martinafischer13 Kunst Kassel
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Katalogtext zu sala terrena von Dr. Christoph Lange


1. Sala Terrena

Die Sala Terrena ist der Saal zu ebener Erde, im Erdgeschoss des Schlosses, der Gartensaal. Ihren Höhepunkt hat die Sala Terrena im Barock. Sie entwickelt sich aus der manieristischen Grottenarchitektur und ist in Deutschland besonders weit verbreitet.

In der Raumordnung des Schlosses dient sie als Verbindungsglied von Vestibül bzw. Treppenhaus und Garten. Meist ist sie in der Hauptachse unter dem repräsentativen Saal des ersten Stockwerks, der sogenannten Beletage gelegen, so dass man durch sie gewissermaßen unter dem Schloss hindurchgehen kann.

Paradebeispiele für eine Sala Terrena bieten Schloss Rastatt in Baden (1700-1705) und Schloss Weißenstein in Pommersfelden in Bayern (1711-1718), wo sie als Muschelgrotte ausgestaltet ist.

Die Sala Terrena ist ein Saal des Hauses mit Ausblick in den Garten. Der Übergang von Architektur und Natur wird hier fließend. Auch in der modernen Architektur gibt es eine Art Sala Terrena: das Wohnzimmer mit Terrasse zum Garten hin.

sala terrena von martinafischer13 hat ihren Vorläufer in der Arbeit garden, die sie in der Wallace Gallery in New York gezeigt hat: drei Glaswürfel, Seitenlänge ca. 40 cm, mit Rahmen aus vernickeltem und poliertem Stahl. Jeweils fünf Seiten der Würfel zeigen Großdias hinter Glas. Die Würfel sind von Innen beleuchtet. Abgebildet ist verschiedenes Gemüse, liebevoll von allen fünf Seiten (außer von unten!) fotografiert.

In Kassel werden die drei leuchtenden Glaswürfel in einem Raum im Keller der Neuen Galerie gezeigt. Der Titel der Arbeit, sala terrena, steht über der Eingangstür des Raumes. Durch sie tritt man auf eine Art Terrasse, von der aus man die Arbeit überblicken kann. Rechts befindet sich eine Treppe mit vier Stufen, über die man in den tiefer gelegenen Teil des Raumes kommt.

Von der Terrasse aus sind Kabel sichtbar, die die Würfel mit Strom versorgen. Sie bilden einen Schriftzug. "Die Gärtnerin betrachtet die Blumen", steht dort in Schreibschrift.

Man sieht von vorne nach hinten: Zucchini, Rotkohl und roten Kohlrabi. Wenn man sich den Würfeln nähert, sieht man noch etwas: Schnecken. Schnecken sind Weichtiere, deren Lieblingsspeise Salat ist. Sie sind also der geborene Feind der Gärtnerin.

2. Garten

Der Garten ist kulturgeschichtlich uralt. Es gibt ihn, seit Menschen sesshaft sind. Ägypten, Rom und Byzanz kannten die Gartenkunst. Im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts erlebte sie eine Blüte. In China und Japan ist sie seit jeher heimisch und von überragender kultureller Wichtigkeit.

Was den Garten von der umgebenden Landschaft unterscheidet, ist die Einfriedung: Zäune und oft Mauern zur Abschirmung gegen die Natur.

Gärten sind Orte der Ruhe. Hier ist man ungestört, wie im heiligen Hain des antiken Griechenland, im Kräutergarten des mittelalterlichen Klosters oder im Lustgarten des Barockzeitalters. Man spricht von einem "hortus conclusus", einem abgeschlossenen Garten.

So stellte man sich den "Garten Eden", das Paradies vor. Die Malerei des Mittelalters und der frühen Neuzeit liebt das Motiv der "Maria im Paradiesgärtlein". Die in diesem Garten wachsenden Blumen und Kräuter hatten meist eine fest zugeschriebene heilsgeschichtliche Bedeutung. Daher wurden sie von den Künstlern so exakt dargestellt, dass die auf den Bildern zu sehenden Pflanzenarten auch heute noch identifizierbar sind. Sie finden sich in späterer Zeit in säkularisierter Form in unseren Bauern- oder Ziergärten wieder.

Die Abgeschlossenheit des mittelalterlichen "hortus conclusus" symbolisierte zum Beispiel die Jungfräulichkeit Mariae. Wiederum funktioniert der Garten als Zwischenform oder Übergang von Natur und Kultur, also von Natur und Kunst.

Man könnte sagen, die Gartenmauer sei eine Art Rahmen, so wie in der zeitgenössischen Kunst oftmals der Raum mit seinen Grenzen als Rahmen der künstlerischen Arbeit dient.

Der Raum der Neuen Galerie jedenfalls bietet alles, was zu einer Sala Terrena gehört: einen Garten, einen Saal und sogar eine Gartenbank!

Die antike Kunst des Gartenbaus wird während der Völkerwanderung in Nord- und Mitteleuropa bewahrt durch die Klostergärten, zum einen in Form des Kreuzgangs, einem oft mit Brunnen versehenen Garten als Ort der Ruhe und Meditation, zum anderen in Form verschiedener Nutzgärten, die der Versorgung des Klosters dienen, wie zum Beispiel Würzgärten, Kräutergärten zum Anbau von Heilpflanzen, Obstgärten, Hopfen- und Weingärten, aber auch Gemüsegärten, in denen Mohrrüben, Pastinaken, Zwiebeln und Kohl angebaut werden. Verschiedene Kohlsorten sind seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. in Mitteleuropa nachgewiesen, im Mittelmeerraum gibt es Belege bereits aus der frühen Steinzeit. Bei diesem Gemüse handelt es sich also um ein sehr altes Lebensmittel.

Sortenkunde kann man anhand der Tafelmalerei der frühen Neuzeit betreiben. In den so genannten "Küchenstücken" findet man jegliches Lebensmittel der Zeit detailgetreu dargestellt. Ein schönes Beispiel ist mit der Arbeit von Joachim Beuckelaer aus dem Jahre 1564 in der Kasseler Gemäldesammlung der Staatlichen Museen in Schloss Wilhelmshöhe zu sehen. Die überbordende Fülle von Obst und Gemüse, aber auch das frisch geschlachtete Geflügel in den Händen der Küchenmagd gemahnt an die Vergänglichkeit alles Irdischen. "Meditatio mortis" oder "memento mori" nannte man das damals: Gedenke des Todes, bedenke, dass du sterblich bist!

3. Betrachtung

"Die Gärtnerin betrachtet die Blumen", schreibt martinafischer13 mit den Stromkabeln der leuchtenden Gemüsewürfel auf den dunklen Steinboden ihres Gartens im Keller der Neuen Galerie.

Betrachtung hat ganz sicher etwas mit Kunst zu tun. Denn die Kunst braucht einen Betrachter. Aber Betrachtung heißt eben auch: Meditation oder Kontemplation. Das kann sogar bis zum Träumen gehen. Und auch die Nachdenklichkeit, das Denken oder die Theorie kann Betrachtung genannt werden. Das griechische Wort Theorie ist eng verwandt mit dem Wort Theater. Die Theorie ist eine Schau. Und umgekehrt ist das Betrachten auch ein Bedenken.

4. Blumen

Blumen sind in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte oft Attribute der bildhaften Personifikation (der "Allegorie") des Frühlings, des Geruchssinns oder der Hoffnung:

Der Frühlingswind Zephyr, ein milder Westwind, verliebte sich in Flora, die Blume, entführte sie und nahm sie zur Frau. Aus Liebe zu ihr schenkte er ihr die Herrschaft über alle Äcker und Gärten; so berichtet die antike Mythologie. Und jedes Frühjahr freuen wir uns, wenn Flora diese Herrschaft auch auszuüben beginnt.

Im Bauerngarten der Moderne, von dem unsere häuslichen Gärten abstammen, tauchen wie zufällig die Blumen des mittelalterlichen Paradiesgärtleins wieder auf: Akelei, Ehrenpreis, Goldlack, Immergrün, Maiglöckchen, Lilie, Rose, Schlüsselblume, Veilchen und viele andere, die sich allesamt beispielsweise im Paradiesgärtlein des Oberrheinischen Meisters von 1420, das im Frankfurter Städel hängt, identifizieren lassen.

Die heilsgeschichtliche Bedeutung haben sie mittlerweile verloren, aber die Schönheit ist ihnen geblieben: das Unabsichtliche, der Überschwang, der Duft, die Farbigkeit oder, wie Kant sagen würde: die Zweckmäßigkeit ohne Zweck, interesseloses Wohlgefallen, einfach nur so...

Mit sala terrena stellt sich die spannende Frage, was eigentlich das Faszinierende an einem Garten ist.

Vielleicht ist es das Wachsen und Welken, das Werden und Vergehen. Die Blumen symbolisieren gerade durch ihre Lebensfülle die Vergänglichkeit des Daseins. Die Schönheit ist die Schwester der Vergänglichkeit.

Aber es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Kunst und Leben, wie wir trotz gegenteiliger Behauptungen von Joseph Beuys alle wissen. Denn das Gemüse weiß nichts davon, dass es stirbt, wenn es von den Schnecken gefressen wird. Die Künstlerin weiß das aber durchaus - und wir auch.

Bei guter Kunst ist es oft so, dass der Gegensatz von Fragilität und Geistigkeit in ein prekäres Gleichgewicht gebracht ist. Schönheit und Vergänglichkeit gibt es in der Natur auch. Aber nicht deren Betrachtung, die Nachdenklichkeit darüber. sala terrena von martinafischer13 setzt dieses prekäre Gleichgewicht ins Werk.

Christoph Lange